Kölner Stadt Anzeiger

 

Mülheim wird das neue Ehrenfeld

Zum dritten Mal setzen sich Autoren des „ehrenfelder“ mit Stadtteil und Menschen auseinander – Widerstand als roter Faden

Von Heribert Rösgen

Ehrenfeld/ Mülheim. Wenn von guten Dingen die Rede ist, kommt schnell die Zahl 3 ins Spiel. Das Magazin „ehrenfelder“. kurz ,ef‘ geheißen, ist ein gutes Ding. Bis die dritte Ausgabe der ungewöhnlichen Zeitschrift fertig wurde wollte es fast folgerichtig Weile haben – um eine weitere Redensart zu bemühen. Jetzt hat das Warten ein Ende: Für acht Euro plus zwei Euro Versandkosten kann es via Internet bestellt werden.

Nach einem vielversprechenden Start mit den ersten beiden Ausgaben in den Jahren 2010 und 2011‚ schien sich ,ef‘ als eine Art designorientierte philosophische Jahresschrift zur Befindlichkeit im Veedel zu etablieren.

„Wir wollten auf jeden Fall die dritte Ausgabe hinbekommen, um eine Art Triptychon zu haben“

Prasanna Oommen

Aber weit gefehlt. Ausgabe Nummer drei ließ auf sich warten. Die nachvollziehbare Erklärung: Für die Macher gab es schlichtweg Wichtigeres zu tun, als viel Zeit und Muße in die Gestaltung eines Magazins zu investieren, mit dem sich schwerlich Geld verdienen lässt. ,ef‘ war und ist schließlich ein reines Liebhaberobjekt – frei von Anzeigenwerbung – für das vor allem Idealismus aufgebracht werden muss. Nach vier Jahren Pause wandten sich Jessica Hoppe, Prasanna Oommen, Stefan Flach und Matthias Knopp – das ehrenfelder-Kernteam – wieder dem Magazin zu. Ein drittes Mal wurden Fotografen, Designer, Journalisten und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zur Auseinandersetzung mit dem Stadtteil gebeten. „Wir wollten auf jeden Fall die dritte Ausgabe hinbekommen, um eine Art Triptychon zu haben“, erklärt Prasanna Oommen bei der Präsentationsparty in einem Atelier in – Mülheim. Das und einige weitere Indizien legen die Vermutung nach einem Abschluss nahe. Die drängt sich auch beim Blick auf den Themenschwerpunkt des 80-seitigen Hefts auf. Es geht um Widerstand auch Widerstand zu Ehrenfeld. Die Grenzen zu Widerspruch, Konflikt und sogar Ekel sind ebenso fließend wie die geografischen Grenzen bei der Themenauswahl. Schon das Titelbild, das eine Taube zeigt, die nach einer Zigarettenkippe schnappt, deutet an, dass hier eine Art Streitschrift vorliegt. Im Mittelteil des Hefts gibt es eine originelle Draufgabe: Ein winziges Elektronik Bauteil, das aussieht wie eine Stecknadel – Radiobastler erkennen es sofort als „Widerstand“, wie das Teil im Fachjargon heißt. Reiner Ehrenfeld-Bezug geht den meisten Beiträgen mehr oder minder ab. Es geht eher um allgemeine, städtische Themen, wie das Imkern oder den Fahrradverkehr. Ausnahmen bilden das gelungene Interview mit Investor Paul Bauwens- Adenauer und Hanswerner Möllmann über das Helios-Gelände. Beide schlüpfen dabei in die Rolle des Gegenüber – sowie die exzellent illustrierte Bestandsaufnahme zum Moscheebau. Ein weiterer Anhaltspunkt dafür, dass der kollektive Abnabelungsprozess vom Trendviertel ein finales Stadium erreicht hat, ist der mit „Und Tschüss“ überschriebene Epilog. Der gleicht einer Generalabrechnung mit allen Klischees, die es über den Stadtteil und seine Bewohner gibt. Allem Anschein nach hat da jemand eine Überdosis Ehrenfeld abbekommen.

„Wir wohnen in Mülheim und haben Abläufe beobachtet, die wir aus Ehrenfeld kennen“

Jessica Hoppe

Ob aus dem ,ef‘ für „ehrenfelder“ bald ein ,mh‘ für „mülheimer“ wird, wollen die Heft-Macher nicht ausschließen. Schließlich fand schon die Release-Party an der Mülheimer Freiheit statt. Und sie haben schon ein Auge darauf geworfen, was rund um den Wiener Platz und zwischen Hafen und Schanzenviertel passiert. „Wir wohnen dort und haben gewisse Abläufe beobachtet, die wir bereits aus Ehrenfeld kennen“, verrät Jessica Hoppe. Kollegin Prasanna Oommen – beide haben eine Kommunikationsagentur mit Sitz in Ehrenfeld formuliert es schon etwas klarer: „Mülheim ist das neue Ehrenfeld.“


 

Chance oder Drohung für Mülheim?
Der ehrenfelder im Kölner Stadt Anzeiger am 19.11.2015

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